Google muss Twitter kaufen

Datum: Mittwoch, 25. Mär. 2009
Autor: Lukas Stuber
Kategorie: Google AdWords Digital Marketing Andere Suchmaschinen

Twitter, dieses komische und schwer erklärbare Internet-Microblogging-Plauderdings, hat mit Suche auf den ersten Blick wenig zu tun. Dennoch wird Twitter immer öfter als Google-Übernahmekandidat gehandelt. Kein Wunder: In manchen Suchbelangen ist Twitter schlicht besser als Google.

Wann immer eine neue Suchmaschine am Horizont auftaucht, schalten viele Medienschaffende auf Autopilot und texten Headlines, in denen unweigerlich «Google-Killer» steht. Dass sich dahinter dann entweder gar keine Suchmaschine (Wolfram Alpha), keine gute Suchmaschine (Cuil) oder eine Suchmaschine mit strukturell bedingt langer Anlaufzeit verbirgt (Wikia Search), scheint jeweils keine Rolle zu spielen.

Medial derzeit ein Liebling, aber kaum je als Google-Killer apostrophiert:

Twitter.

Ich behaupte mal: Twitter - oder das Twitter-Konzept - ist die ernsthafteste Google-Konkurrenz seit Jahren.

twitter

Das folgende Beispiel mag anekdotisch sein und als Grundierung meiner These wenig taugen. Aber erstens scheint es mir ein paar fundamentale Punkte bezüglich Web Search zu berühren, und zweitens bin ich keineswegs der erste, der Twitter und Google in Beziehung setzt: Battelle und TechCrunch haben dazu mehr und Theoretischeres zu bieten als ich.

Twitter kann schneller Antworten liefern

Und aber es begab sich, dass ich kürzlich ein blödes Anfänger-Problem mit iTunes hatte, routiniert zu googeln begann - und nicht weiterkam: Die auf den ersten Blick allesamt relevant scheinenden Treffer schrammten haarscharf an meinem Problemchen vorbei.

Ganz anders bei Twitter: Dort setzte ich einen Tweet ab, der mein Problem beschrieb, kurz darauf rasselten mehrere Antworten rein, und in Facebook, wo meine Tweets ebenfalls aufscheinen, nahmen sich weitere hilfsbereite Seelen meiner an. Problem gelöst, ganz ohne Google - für mich ein ziemliches Novum. Zugegeben: Bis die Antwort-Tweets eintrafen, dauerte es länger, als ich für die Google-Suche aufgewendet hatte. Aber der eigentliche Zeitaufwand selber war für mich viel geringer.

Aus lauter Neugierde versuchte ich dann noch, ob ich allein mittels Twitter-Suche zum Ziel gekommen wäre, also ohne meine Twitter-Freunde. Ergebnis: Ja, geht, und zwar im ersten Anlauf, was bei Google nicht geklappt hatte. Bemerkenswert, finde ich.

Aber letztlich wenig erstaunlich: Denn Twitter, dieses endlose Gezwitscher von Nichtig- und Befindlichkeiten, Bonmots und Kalauern, Tech Slang und Ohmigods entwickelt sich allein dank schierer Masse zu einem riesigen Informationsbehälter, in dem dereinst alle erdenklichen Fragen schon einmal beantwortet sein werden. Und während Google die Weisheit der Massen über Verlinkungsstrukturen, Nutzungsdaten und semantische Analysen zu operationalisieren versucht, platzieren jene Massen ihre Weisheit munter in Twitter, und zwar 1:1. Operationalisierung überflüssig. Es reicht, eine simple Frage ins Twitterversum rauszuschleudern.

Der Vollständigkeit halber: Ja, in Facebook und anderen Social-Media-Plattformen geschieht das auch. Aber keine Plattform ist derart schlackenlos auf Informationsaustausch ausgelegt wie Twitter: Facebook kann viel zu viel, um ein Twitter-Ersatz zu sein, twitterisierte neue Facebook-Homepage hin oder her.

Conversational vs. Algorithmical Search

Das passende Buzzword dazu gibts natürlich auch schon: «Conversational Search» nennt sich das. Und einer algorithmischen Suche gegenüber hat jener Conversational Search einen massiven Vorteil: Ich kriege es mit Menschen zu tun. Die verzapfen manchmal zwar auch Mist, aber nicht systematisch-algorithmisch bedingt: Irgendeiner wirds dann schon wissen, während ich das Google-System der Relevanzbestimmung bloss nachvollziehen, aber nicht aufbrechen kann.

Ask, als es noch AskJeeves hiess, versuchte jahrelang, mit seinem Natural Search zu punkten: Statt abstrahierende Keyword-Ketten in den Suchschlitz füttern zu müssen, sollte man angeblich ganze Fragesätze formulieren können. Klappte nie so richtig. Bei Twitter schon. Und zwar deshalb, weil man keine Algorithmen rattern, sondern Menschen umstandslos miteinander kommunizieren lässt.

Sowas stellt für Google aller Wahrscheinlichkeit nach die viel grössere Konkurrenz dar als eine andere algorithmische Suchmaschine. Denn bezüglich algorithmischer Suche würde ich Google für mittelfristig unangreifbar halten: Google hat uns in Sachen Web Search alphabetisiert, und die an sich weit simpleren Trefferlisten etwa von Live Search kapiere ich längst nicht mehr auf Anhieb. Der Preis, mich an andere Darstellungsarten und Eigenheiten einer Suchmaschine zu gewöhnen, wäre mir persönlich zu hoch. Eine Suchmaschine, die ein bisschen besser wäre als Google, würde ich nicht verwenden. Sie müsste schon einen Quantensprung hinkriegen, und danach siehts derzeit nicht aus. Gut möglich, dass Google dank Erfahrung, User Base, Rechen- und Manpower die Grenzen des derzeit Machbaren in der algorithmischen (horizontalen) Suche bereits auslotet.

Ein Conversational Search hingegen stellt möglicherweise für viele Bereiche der Suche genau jenen Quantensprung dar. Und er ist algorithmisch nicht zu kontern.

Twitter Search: Wie lange geht das gut?

Dennoch wird Twitter früher oder später an seine Grenzen stossen, was den Search-Wert angeht: Freunde zu fragen - sowas skaliert problemlos; aber all die Tweets auch algorithmisch durchsuchbar zu halten, stellt ein ganz anderes Problem dar: jenes Problem nämlich, das Google seit langem so erfolgreich zu lösen versteht.

Die weiter oben verlinkte Suche via Twitter Search funktionierte unter anderem deshalb so reibungslos, weil die Datenmengen immer noch relativ überschaubar sind. Google jongliert mit einer ungleich höheren Menge von Daten, und das erst noch schneller: Twitter Search, den sich Twitter übrigens hinzukaufen musste, kann heute schon peinvoll langsam sein. Und ohne robuste Infrastruktur und Algorithmen hintendran könnte es bald einmal schwierig werden, im explodierenden Twitter-Fundus überhaupt noch etwas zu entdecken.

Google hingegen kann das leisten. Mit AdWords stünde zudem ein erprobtes Refinanzierungsmodell schon bereit. Umgekehrt aber fehlt Google bisher eine Plattform für Conversational Search: Orkut läuft eigentlich nur in Brasilien richtig gut, und Jaiku hat man unlängst abgeschossen.

Google müsste also, kurzum, Twitter kaufen.

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