Ben Edelman, unermüdlicher und mit Harvard-Weihen versehener Kämpfer gegen unsaubere Praktiken im Internet, hat wieder zugeschlagen: Im April 2006 erregte er mit einem Frontalangriff gegen Yahoo! erstmals weltweit Aufsehen, jetzt hat er eine Attacke unter anderem gegen Googles Browser namens Chrome lanciert.
Edelmans steile These: Mit der sogenannten Omnibox-Funktion von Google Chrome, die URL-Zeile und Suchfeld in einem darstellt, dränge sich Google zwischen User und Websites, kassiere damit potenziell mehr Werbegelder und blase die Effektivität seines AdWords-Programms künstlich auf, was letztlich zu ungerechtfertigten Investitionen in Google AdWords führe:
Knackig, medial dankbar aufgenommen («Google bescheisst» zieht immer), und alles in allem derart falsch, dass nicht einmal das Gegenteil stimmt. Denn Edelmans Beweisstück sieht so aus (mehr hat er nicht zu bieten, ich schwörs):

Erstaunlich, wie viele Fehlinformationen in einem so kleinen Screenshot untergebracht werden können.
Erstens: Der Default ist keiner
«Search Google for expedia» (Edelmans Kernfund) wird von der Omnibox nur dann zuerst angeboten, wenn ich die Expedia-Website noch nie besucht habe. Existiert expedia.com in meiner Browser History, wird der Link zu www.expedia.com als erstes aufgelistet.
Vielleicht löscht Edelman regelmässig seine History, weshalb er das nicht weiss, oder aber er hat es – horribile dictu – schlicht nicht überprüft. Und offenbar weiss er auch nicht, dass der User die Suchmaschine, die Google via Omnibox anbietet, frei wählen kann.
Zweitens: User wollen sich auch über Brands informieren
Wenn ich «expedia» einzutippen beginne, ist noch überhaupt nicht gesagt, dass ich die Website besuchen will. Vielleicht interessieren mich ja Erfahrungsberichte oder Ähnliches.
Nach unseren Messungen klicken fallweise bis zu 40% aller User nach einer Brand-Suche weder aufs Organic Listing noch aufs AdWord – offenbar liegen oft andere Interessen vor.
Drittens: Die Error Page ist eine Help Page
Der zweite in Edelmans Screenshot aufgeführte Link («expedia/») liefert folgenden DNS-Error:

Da liesse sich nun tatsächlich fragen, weshalb Google via Omnibox diese Möglichkeit pusht: Im Grunde handelt es sich hier nur um einen Zusammenzug der ersten und dritten Option in Edelmans Screenshot. Nur lässt sich angesichts der Grössenverhältnisse zwischen dem Link zu Expedia und der dazu passenden Google-Suche kaum behaupten, dass einem die Suche aufgedrängt würde; ausserdem lässt sich das in den Chrome-Optionen deaktivieren.
Viertens: Zahlen?
Edelman liefert keinerlei Zahlen, die seine These stützen könnten. Unsere – statistisch nicht signifikanten – Messungen für die Chrome-Nutzung 2009 in der Schweiz zeigen jedenfalls ein anderes Bild:
-
0.7% Marktanteil von Google Chrome
-
0.2% aller AdWords-Klicks via Google Chrome
-
0.1% aller Klicks auf Branded AdWords via Google Chrome
Chrome User klicken also erstens viel seltener auf AdWords als andere, und zweitens praktisch nie auf Branded AdWords. Mit anderen Worten: Gerade Chrome User machen fast nie das, was Edelman Google als Absicht unterstellt.
Zugegeben, das könnte sich ändern, falls Chrome Marktanteil gewänne: Derzeit sind Chrome User wohl noch überdurchschnittlich tech savvy und werberesistent. Aber vorderhand stimmen Edelmans Argumente auch zahlenseitig kaum.
Diskutabel: Google behält immer mehr Traffic bei sich
Dass ein derart schlampig recherchiertes Aufsätzchen zum Harvard-Report mutiert und als professorale Weisheit in den Medien rumgeboten wird, ist ärgerlich. Denn in der Tat läge hintendran eine wichtige Diskussion: Eine wachsende Zahl von Google Services und -Features sorgt dafür, dass Google anderen Websites Page Views entzieht; Omnibox, Google Suggest, Google News, Search Box, Sitelinks oder das angekündigte Google Squared ermöglichen entweder zielgerichteteres Navigieren oder machen ein Weitersurfen überflüssig und reduzieren somit die potenzielle Zahl von Page Views. Und das hat selbstverständlich Folgen für die Refinanzierungsmodelle vieler Websites, die ihren Werbekunden die Page Views verkaufen.
Da aber die User Experience – Googles heilige Kuh – dadurch meines Erachtens wirklich nur gewinnt, liegt das Problem wohl weniger bei Google als vielmehr bei einblendungsbasierten Refinanzierungsmodellen. Und bei dieser Diskussion helfen Screenshots mit bestenfalls halbwahren Sprachblasenbehauptungen wenig.
Die wahren Übeltäter lauern im Content-Netzwerk
Durchaus überzeugender scheinen mir Edelmans Vorwürfe an verschiedene Google-Partner im Content-Netzwerk zu sein: Was da mit Toolbars und AdSense-Schleudern alles angestellt wird, geht auf keine Kuhhaut. Bloss: Das ist altbekannt, und Edelman bietet nichts Neues.
Über diese Tricksereien im AdSense-Bereich mehr zu erfahren, Zahlen und auch eine umfassende Darstellung zu kriegen, weshalb Google im Content-Netzwerk derart viel Blödsinn toleriert (den ich als Werbekunde übrigens einigermassen problemlos unterbinden kann) – das wäre spannend gewesen.
Schade drum.

15. Mai 2009, 10:32
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