Twitter, dieses komische und schwer erklärbare Internet-Microblogging-Plauderdings, hat mit Suche auf den ersten Blick wenig zu tun. Dennoch wird Twitter immer öfter als Google-Übernahmekandidat gehandelt. Kein Wunder: In manchen Suchbelangen ist Twitter schlicht besser als Google.
Wann immer eine neue Suchmaschine am Horizont auftaucht, schalten viele Medienschaffende auf Autopilot und texten Headlines, in denen unweigerlich «Google-Killer» steht. Dass sich dahinter dann entweder gar keine Suchmaschine (Wolfram Alpha), keine gute Suchmaschine (Cuil) oder eine Suchmaschine mit strukturell bedingt langer Anlaufzeit verbirgt (Wikia Search), scheint jeweils keine Rolle zu spielen.
Medial derzeit ein Liebling, aber kaum je als Google-Killer apostrophiert:
Ich behaupte mal: Twitter – oder das Twitter-Konzept – ist die ernsthafteste Google-Konkurrenz seit Jahren.

Das folgende Beispiel mag anekdotisch sein und als Grundierung meiner These wenig taugen. Aber erstens scheint es mir ein paar fundamentale Punkte bezüglich Web Search zu berühren, und zweitens bin ich keineswegs der erste, der Twitter und Google in Beziehung setzt: Battelle und TechCrunch haben dazu mehr und Theoretischeres zu bieten als ich.
Twitter kann schneller Antworten liefern
Und aber es begab sich, dass ich kürzlich ein blödes Anfänger-Problem mit iTunes hatte, routiniert zu googeln begann – und nicht weiterkam: Die auf den ersten Blick allesamt relevant scheinenden Treffer schrammten haarscharf an meinem Problemchen vorbei.
Ganz anders bei Twitter: Dort setzte ich einen Tweet ab, der mein Problem beschrieb, kurz darauf rasselten mehrere Antworten rein, und in Facebook, wo meine Tweets ebenfalls aufscheinen, nahmen sich weitere hilfsbereite Seelen meiner an. Problem gelöst, ganz ohne Google – für mich ein ziemliches Novum. Zugegeben: Bis die Antwort-Tweets eintrafen, dauerte es länger, als ich für die Google-Suche aufgewendet hatte. Aber der eigentliche Zeitaufwand selber war für mich viel geringer.
Aus lauter Neugierde versuchte ich dann noch, ob ich allein mittels Twitter-Suche zum Ziel gekommen wäre, also ohne meine Twitter-Freunde. Ergebnis: Ja, geht, und zwar im ersten Anlauf, was bei Google nicht geklappt hatte. Bemerkenswert, finde ich.
Aber letztlich wenig erstaunlich: Denn Twitter, dieses endlose Gezwitscher von Nichtig- und Befindlichkeiten, Bonmots und Kalauern, Tech Slang und Ohmigods entwickelt sich allein dank schierer Masse zu einem riesigen Informationsbehälter, in dem dereinst alle erdenklichen Fragen schon einmal beantwortet sein werden. Und während Google die Weisheit der Massen über Verlinkungsstrukturen, Nutzungsdaten und semantische Analysen zu operationalisieren versucht, platzieren jene Massen ihre Weisheit munter in Twitter, und zwar 1:1. Operationalisierung überflüssig. Es reicht, eine simple Frage ins Twitterversum rauszuschleudern.
Der Vollständigkeit halber: Ja, in Facebook und anderen Social-Media-Plattformen geschieht das auch. Aber keine Plattform ist derart schlackenlos auf Informationsaustausch ausgelegt wie Twitter: Facebook kann viel zu viel, um ein Twitter-Ersatz zu sein, twitterisierte neue Facebook-Homepage hin oder her.
Conversational vs. Algorithmical Search
Das passende Buzzword dazu gibts natürlich auch schon: «Conversational Search» nennt sich das. Und einer algorithmischen Suche gegenüber hat jener Conversational Search einen massiven Vorteil: Ich kriege es mit Menschen zu tun. Die verzapfen manchmal zwar auch Mist, aber nicht systematisch-algorithmisch bedingt: Irgendeiner wirds dann schon wissen, während ich das Google-System der Relevanzbestimmung bloss nachvollziehen, aber nicht aufbrechen kann.
Ask, als es noch AskJeeves hiess, versuchte jahrelang, mit seinem Natural Search zu punkten: Statt abstrahierende Keyword-Ketten in den Suchschlitz füttern zu müssen, sollte man angeblich ganze Fragesätze formulieren können. Klappte nie so richtig. Bei Twitter schon. Und zwar deshalb, weil man keine Algorithmen rattern, sondern Menschen umstandslos miteinander kommunizieren lässt.
Sowas stellt für Google aller Wahrscheinlichkeit nach die viel grössere Konkurrenz dar als eine andere algorithmische Suchmaschine. Denn bezüglich algorithmischer Suche würde ich Google für mittelfristig unangreifbar halten: Google hat uns in Sachen Web Search alphabetisiert, und die an sich weit simpleren Trefferlisten etwa von Live Search kapiere ich längst nicht mehr auf Anhieb. Der Preis, mich an andere Darstellungsarten und Eigenheiten einer Suchmaschine zu gewöhnen, wäre mir persönlich zu hoch. Eine Suchmaschine, die ein bisschen besser wäre als Google, würde ich nicht verwenden. Sie müsste schon einen Quantensprung hinkriegen, und danach siehts derzeit nicht aus. Gut möglich, dass Google dank Erfahrung, User Base, Rechen- und Manpower die Grenzen des derzeit Machbaren in der algorithmischen (horizontalen) Suche bereits auslotet.
Ein Conversational Search hingegen stellt möglicherweise für viele Bereiche der Suche genau jenen Quantensprung dar. Und er ist algorithmisch nicht zu kontern.
Twitter Search: Wie lange geht das gut?
Dennoch wird Twitter früher oder später an seine Grenzen stossen, was den Search-Wert angeht: Freunde zu fragen – sowas skaliert problemlos; aber all die Tweets auch algorithmisch durchsuchbar zu halten, stellt ein ganz anderes Problem dar: jenes Problem nämlich, das Google seit langem so erfolgreich zu lösen versteht.
Die weiter oben verlinkte Suche via Twitter Search funktionierte unter anderem deshalb so reibungslos, weil die Datenmengen immer noch relativ überschaubar sind. Google jongliert mit einer ungleich höheren Menge von Daten, und das erst noch schneller: Twitter Search, den sich Twitter übrigens hinzukaufen musste, kann heute schon peinvoll langsam sein. Und ohne robuste Infrastruktur und Algorithmen hintendran könnte es bald einmal schwierig werden, im explodierenden Twitter-Fundus überhaupt noch etwas zu entdecken.
Google hingegen kann das leisten. Mit AdWords stünde zudem ein erprobtes Refinanzierungsmodell schon bereit. Umgekehrt aber fehlt Google bisher eine Plattform für Conversational Search: Orkut läuft eigentlich nur in Brasilien richtig gut, und Jaiku hat man unlängst abgeschossen.
Google müsste also, kurzum, Twitter kaufen.


25. März 2009, 20:47
[...] morgen meine SEO Thesen und das Geheimnis der Google Suche verbreite möchte ich heute auf diesen äusserst interessanten Blogbeitrag von Lukas Stuber im Angellink Yourposition Blog hinweisen. Ich habe Twitter zwar schon benutzt um [...]
26. März 2009, 8:59
Die meisten Blogger, Journalisten und Webmaster plagt die Frage nach dem “Warum” und “Wie”. Viele können einfach noch nicht einschätzen warum Twitter so erfolgreich ist und noch viel wichtiger: Wie kann ich Twitter für meine eigenen Projekte richtig nutzen.
Zitat:
“Twitter, dieses komische und schwer erklärbare Internet-Microblogging-Plauderdings”
Diese Aussage trifft es einfach auf den Punkt
Dein Artikel fügt dem Ganzen ein weiteres Puzzelteil hinzu – langsam scheine ich zu begreifen wozu Twitter noch fähig ist bzw. wohin die Reise gehen wird. Einfach großartig
MFG Jens
26. März 2009, 9:29
[...] Google muss Twitter kaufen: quot;In manchen Suchbelangen ist Twitter schlicht besser als Google.quot; so Lukas Stuber in seinem Blogpost auf yourpositon.ch. [...]
26. März 2009, 10:13
Was um Himmelswillen erzählst du da? …. kleiner Scherz
Ich gehe mit die voll einig, dass Twitter unter Umständen die bessere Suchmaschinen als Google ist. Allerdings eher über search.twitter.com, denn da kriege ich Relevanz.
Was aber aus meiner Sicht noch viel besser als Google und Twitter ist, sind die Social Bookmarking Sites. Was dort oft geposted wird, liefert echten Mehrwert. Klar kann man auch das faken.
26. März 2009, 10:14
Deine Ansätze sind ganz gut. Nur leider hat sogar schon Google selbst sein Statement dazu abgeliefert, siehe dazu:
Google hat vorerst kein Interesse an Twitter.
Eine spätere Übernahme ist aber nicht ausgeschlossen.
26. März 2009, 10:55
Den Link auf diesen hervorragenden Beitrag sollte man sich in 3 Jahren in den Kalender schreiben – spätestens dann wird bei der derzeitigen Entwicklung Twitter von Google geschluckt worden sein. Bin ich fest davon überzeugt.
26. März 2009, 18:01
@Bernhardt und @Britta: Vielen Dank!
@Philipp Sauber: Ich bin in Sachen Social Bookmarks ein völliger DAU – kannst Du mal was darüber bloggen?
@der-nette-seo: Nun – vorerst kein Interesse anzumelden ist verhandlungstaktisch womöglich klüger, als lauthals “will kaufen!” zu schreien. Aber dennoch glaube ich schon auch, dass Google ziemlich skeptisch ist. Ich behaupte ja auch nicht, Google werde Twitter kaufen. Ich postuliere bloss, dass es aus Google-Sicht sinnvoll wäre.
Zufällig (nein, stimmt nicht: via Twitter…) habe ich ein Greasemonkey-Script entdeckt, dank dem ich Twitter-Treffer direkt in Google einblenden lassen kann. Sehr hübsch.
29. März 2009, 14:37
[...] und Backlinkupdates 2.) Kein Honorar bei falschen Zusagen für Suchmaschinenoptimierung 3.) Google muss Twitter kaufen 4.) Sind die neuen .tel Domains doch für SEO geeignet? 5.) Google verbessert Suchergebnisse [...]
30. März 2009, 17:39
Das Twitter schneller als Google zu Ziel führt gilt nur für sehr wenig Themen. Dann müsste Google jede große Website kaufen, deren interne Suche eventuell schneller zum Ziel führt als Google selbst.
Außerdem hat Google immer die Möglichkeit auch Twitter zu durchsuchen. Siehe z.B. Wikipedia. Die Seite wird von Google genutzt um diverse Fragen zu beantworten ohne das Goolgle sie kauft. Ähnlich könnte Google auch mit Twitter verfahren.
31. März 2009, 7:31
[...] Kurzem berichtete Lukas Stuber, dass Twitter die bessere Suchmaschinen als Google ist. Ich behaupte aber, dass die Social [...]
14. November 2009, 0:57
[...] Nase vorn hat, wird sich noch zeigen. Da sind einige grosse, bewegende Sachen am Laufen, da werden Twitter, Videos oder die Presse integriert (oder auch nicht), plötzlich scheinen Foren wieder besser da zu [...]