Wolfram Alpha ist live. Das Medienecho ist gewaltig, zahlreiche Anwendungsbeispiele sind umwerfend. Doch so beeindruckend die Plattform auch ist: Vorerst ist Wolfram Alpha bloss ein elektronischer, aber immerhin sehr schöner Brockhaus.
«Wolfram|Alpha isn’t sure what to do with your input.»
Dieser Satz hat sich mir unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt, und daran bin ich ganz alleine schuld: Während den letzten beiden Tagen platzierte ich jegliche Query, die gerade anfiel, zunächst in Wolfram Alpha statt in Google: Ich wollte dieses neue Wundertier des WWW aus der Nähe betrachten. Und da ich gemäss meinem Google Account pro Arbeitstag rund 235 Queries durchführe, kenne ich Wolfram Alpha jetzt schon ziemlich gut.
Fazit: Wolfram Alpha ist manchmal begeisternd (daran halte ich fest), sehr oft frustrierend – und in der derzeitigen Form erstaunlich eigenbrötlerisch.
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Zugegeben: Meine Herangehensweise war natürlich verkehrt. Wolfram Alpha ist keine Suchmaschine, sondern eine «Computational Knowledge Engine», und der Vergleich mit Google ist unzulässig.
Vielleicht aber war meine Herangehensweise ganz im Gegenteil genau richtig. Denn Wolfram Alpha hat das Problem, dass es sich den Vergleichen mit Google gar nicht entziehen kann: Ob sich etwas Suchmaschine oder Computational Dingsda nennt, ist dem User doch wurscht. Hauptsache, das Ding hat ein Suchfeld.
Das Wissen der Welt berechenbar machen
Dieser Ambivalenz sind sich die Leute hinter Wolfram Alpha natürlich bewusst. Deshalb ist dieses schwerhüftige «Computational Knowledge Engine» Teil des Logos. Und deshalb stutzt man auch beim Mission Statement von Wolfram Alpha: «Making the world’s knowledge computable». Das erinnert stark an Googles Mission «to organize the world’s information and make it universally accessible and useful» - und ist gleichzeitig eine total andere Aussage: Wissen und Information sind überhaupt nicht dasselbe, und zwischen accessible und computable klaffen gleich dutzendfach Welten. Die Mission Statements sind vollkommen anders – und doch verwechselbar.
Genau so also, wie man Wolfram Alpha, obwohl es etwas vollkommen anderes ist, mit einer Suchmaschine verwechseln und mit Google vergleichen könnte. Und in einem problemlos vergleichbaren Punkt schneidet Wolfram Alpha katastrophal ab:
User Experience.
Ob Treffer oder Nuller: Man steckt in der Sackgasse
Wie übersichtlich und knackig Wolfram Alpha die verschiedensten Informationen zusammenzuziehen und darzustellen versteht, das ist immer wieder begeisternd und Googles zehn blauen Links hoch überlegen.
Gleichzeitig aber ignoriert Wolfram Alpha komplett, was Google in seinem Dekalog unter Punkt 7 völllig richtig festhält: «There’s always more information out there». Wolfram Alpha hingegen ist jedesmal eine Sackgasse.
Nuller: Um Wolfram Alpha wirklich nutzen zu können, muss ich auf Anhieb die richtige Frage stellen. Finde ich sie nicht, muss ich von vorn beginnen. Nicht so bei Google: Dort kriege ich praktisch immer Treffer geliefert; oft irrelevante, aber die Art der Irrelevanz liefert mir immerhin Hinweise darauf, wie ich die Suche verfeinern müsste. Wolfram Alpha ermöglicht diesen Lernprozess gar nicht erst. Zudem wird mit den Links zur passenden Web-Suche sowie zur Community nur gerade das absolute Minimum an Handlungsoptionen angeboten. Inwiefern die Input-Möglichkeit genutzt wird, kann ich allerdings schlecht beurteilen. Die zahlreichen Nuller haben grosses Frustpotenzial, das ein verbessertes Query Processing nach und nach sicher mindern wird. Secondary Results aus dem Web wären aber in jedem Fall sinnvoll.
Treffer: Die Ergebnisse bilden einen in sich abgeschlossenen Korpus von Information. Weder ist ein Drill Down möglich – Treffer-Details sind nicht intern verlinkt, so dass ich keine vertiefende Suche auslösen kann – und externe Inhalte sind erneut nur über den Link zur Web-Suche zu kriegen. Fallweise sind zusätzlich Wikipedia, mehr oder weniger passende Websites sowie Werbung zusätzlich verlinkt. Auch hier liegt erst ein Minimum vor. Und statt die Datenquellen, die Wolfram Alpha verwendet hat, im Inhalt offenzulegen und zu verlinken, werden sie in einem Pop Up platziert («Source Information»). Dort aber steht oft genug nur: Wolfram|Alpha curated Data, 2009.
Ob ich also Treffer kriege oder nicht: In jedem Fall ist bei Wolfram Alpha mehr oder weniger Endstation, die Plattform schert sich noch nicht darum, dass sie Teil dieses gewaltigen Ökosystems namens WWW ist. Und damit ist Wolfram Alpha vorerst bloss ein brillant gepimpter Brockhaus.
Allerdings: Wer all das da hingekriegt hat, sollte die Anbindung ans Web eigentlich auch noch bewerkstelligen können.

30. Juli 2010, 15:35
[...] Wolfram Alpha, der «Computational Knowledge Engine», verbindet mich seit dem Launch eine unglückliche Liebe: Ich finde die Plattform toll, kann sie aber überhaupt nicht gebrauchen. [...]